Als schliefe man im Fahrstuhl …

Das letzte Mal im Schlafwagen war ich zu klein, um zu merken, wie eng es ist, wenn sich sechs Sardinen, Verzeihung, Menschen auf so wenig Raum drängen. Das war auf der Russlandfahrt und ich fand’s toll. Damals habe ich ja auch noch aus Decken, Stühlen und Tisch herrliche Buden gebaut und liebte Schlafhöhlen. Irgendwie wünschte ich mir wieder 4 Jahre alt zu sein, um das alles so recht genießen zu können. Vorerst saßen wir ja auch noch auf den Sitzbänken, unterhielten uns, bzw. überließen das manchmal auch dem Schaffner, der winzige Wasserfläschchen „mit oder ohne Gas“ verteilte und so betrunken erschien, dass es nicht einfach war, zu entscheiden, inwieweit die Verständnisschwierigkeiten auf den Akzent oder seinen Zustand zurückzuführen waren. Etwas nach 21.00 Uhr wurden die Schlafbänke heruntergeklappt. Die Verteilung gestaltete sich etwas kompliziert, da wir nicht die einzigen mit einem Übermaß an Gepäck waren. Wir lösten das, indem wir alles, was nirgend woanders hinpasste, auf eine der obersten Schlafbänke bugsierten und ich mich mit Daniel auf eine der unteren quetschte. Die bequemen Kissen gestatteten es tatsächlich, zwischendurch mal einzunicken. Wenigstens hat Daniel schon mal für den Fall der Fälle, dass er jemals auf einem Felsabsatz schlafen muss, Erfahrungen gesammelt – und ich mit Schuldgefühlen.

Wieso ich das erzähle? Das habe ich mich auch schon gefragt … Ich nehme mal an, der Vollständigkeit halber. Oder weil es so trivial ist, dass es sonst keiner tut. Im ersteren Fall, muss ich jedoch zugeben, so ich gut wie alles weggelassen habe, was ich normalerweise zu schildern pflege. Über die Mitfahrer, zum Beispiel, lässt sich anhand meiner Zeilen bis jetzt nur wenig mehr entnehmen, als die Zahl. Ich hätte auch erwähnen können, dass sich unter ihnen eine bilingual aufgewachsene, dunkelhaarige Schwedin mit fransig geschnittener Rundponyfrisur befand, einen mittellangen weiß-rot karierten Taillenrock tragend, welche außerdem eine Reihe romanischer Sprachen beherrscht, im Rahmen ihres Kunstgeschichtsstudiums einen Erasmusaufenthalt in Ungarn vor sich hat, dort die „Zeit“ vermissen wird und den Koffer voller Bücher gepackt hatte oder den hilfsbereiten, polnischstämmigen Studenten, dessen Hobby anscheinend Schlafwagenfahrten nach Osteuropa waren oder den etwas stärker pigmentierten, grauhaarigen Ungarn, der partout in Fahrtrichtung schlafen wollte oder das verschlossene, ältliche Mädchen mit dem fahlgelben Gesicht und dem faltigen Hals … Ich hätte aber auch nur kurz erwähnen brauchen, dass im Grunde ein gutes Auskommen miteinander herrschte.

Aber nun, da wir die Charaktere schon ein bisschen angerissen haben, könnte eigentlich die Geschichte beginnen …

Ihre Blicke verfingen sich manchmal in seinen freundlichen braunen Augen. „Was für ein lieber Junge! Und so zuvorkommend …“ Er bewunderte ihre Anmut, worüber er ihren leichten Akzent fast vergaß. Und der Rock schwang so hübsch um ihre Beine. Später, als die anderen Mitfahrer sich mühten etwas Schlaf zu fangen, schwebten ihre jungen Stimmen noch lange durch das Abteil. Er mochte sie; sie war so zielgerichtet, so feinsinnig dabei.
Sie waren blau!
Blau? Aber woher denn? Die Flasche „Wodka Gorbatschow“ war doch zu dem Zeitpunkt noch lange nicht leer …
Die Flasche – die bist du! Ich meine doch seine Augen …
Mag ja sein, mag ja sein. Es ist doch aber nur eine Geschichte.
Es ist noch nicht einmal das! Es stimmt überhaupt nichts daran. Da war gar nichts zwischen den beiden.
Sie haben sich doch aber unterhalten, oder etwa nicht?
Du hast doch gar nicht hingesehen.
Aber er wird sich doch wohl kaum mit jener unnahbaren, ewigen Jungfer so angeregt unterhalten haben?
Immerhin befanden sich seine und deren Schlafbank auf einer Ebene. Nur weil du es gern anders hättest …
Du weißt es also auch nicht.
Erzähl doch lieber von seinen Füßen.
Wieso denn das bitte?
Ihre Sicht scheint mir um einiges objektiver als deine.
Füße können nicht erzählen.
Und ob sie das können!
Nein, vielen Dank – die Geschichte vom Hühnerauge am linken kleinen Zeh kannst du dir sparen. Kein Interesse.
Da war gar keines. Du fängst schon wieder an Tatsachen zu verfälschen.
Und du laaaaaangweilst mich …
Ach ja? Findest du es etwa nicht bedrohlich, die ganze Zeit überwacht zu werden?
Wie kommst du denn jetzt darauf?
Die Füße – sie haben die ganze Zeit über die Schlafbank hinausgeschaut und …
… Aus dem Zugfenster gelinst. Wie toll.
Sie haben das Paar unter sich sondiert. Wäre eine Kamera an ihnen befestigt gewesen, hätten sie dessen Schlafverhalten aufgenommen und wir könnten uns das jetzt genau ansehen.
Ich glaube eher, dass die kleine Elfe darunter mit den wilden Locken und dem schelmischen Blitzen in den Augen, kaum an sich halten konnte, seine Füße nicht einfach zu kitzeln und damit wohl einen Sturz aus gewisser Höhe verursacht hätte.
Woher willst du das wissen?
Ich weiß es eben. Jedenfalls wäre ich auch versucht gewesen. Und sie tauschte so verschwörerische Blicke mit dem jungenhaften Prinzen neben ihr aus.
Gegen 5.00 Uhr erhob sie sich kläglich piepsend und torkelte schlaftrunken auf den Gang.
Dort wurde sie vom Schaffner, dessen trunkener Zustand eher zu- als abgenommen hatte, in eine winzige Zelle verwiesen und …
Immer alles dramatisieren, musst du! Er hatte sie nur missverstanden, denn sie hielt die beiden Klausen 1. fälschlicher Weise für Toiletten und 2. für besetzt und er wollte nur hilfreich sein.
Da saß eine Wegweiserin auf dem Boden, für die sie aber kein vernünftiges Englisch mehr übrig hatte. Hör sich das mal einer an:

E: „Das  … ist ja alles falsch.“
W: „The toilet is here.“
E: „Blablablablabla …“
W: „Just English please.“
E: „I’m too tired to speak English … – How long is this toilet … – besetzt?“
W: „Two or three minutes.“

Dummes Ding!
Naja, oder niedlich genug, um sich überall herauszulavieren.
Irgendwann sollte sie aber schon erwachsen werden.
Sollten sie nicht langsam alle aufstehen?
Der Schaffner wird sie schon wecken.
Jetzt werden die Schlafbänke abgeräumt und wieder hochgeklappt; es riecht nach Frühstückcroissants und Kaffee.
Der Zug hat Verspätung, aber zu wenig, den nächsten Zug zu verpassen.
Der freundliche Junge begleitet die sanfte Schwedin über den Bahnsteig, um ihr zu helfen, den nächsten Zug zu finden.
Prinz und Elfe schleppen sich über den Bahnsteig zu den Anzeigen, nur um festzustellen, dass sie sich bereits auf dem richtigen befanden und nur auf die gegenüberliegende Seite wechseln mussten.
Und die anderen beiden?
Die vergilbte Jungfer war schon eher ausgestiegen; auf den Ungarn habe ich nicht geachtet …
Und jetzt?
Schlafen?
Schlafen!

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