„Wenn der Zug noch langsamer fährt, dann fährt er rückwärts!“

Tatsächlich hatte sie sich vor Antritt der Zugfahrt nach Rumänien gefragt, wieso der erste Streckenabschnitt von Dresden bis Budapest nur 11,5 Stunden betragen soll und man von der Hauptstadt Ungarns bis Brașov ca. 14 Stunden benötigt. Das wurde ihr jedoch schnell klar, als vor ihrem Fensterplatz unzählige Sonnenblumenfelder, halb begonnene, sich aber wieder selbst überlassene Brückenpfeiler und unförmige Heuballen mit Durchschnittsgeschwindigkeit von 50 km/h vorbeiflanierten. Manchmal wäre sie am liebsten ausgestiegen, um im Wettstreit mit den Sonnenblumen die Sonne anzustrahlen, er jedoch lieber, den Zug anzuschieben. Erfreulicher Weise funktionierte die Klimaanlage sogar. Da allerdings die vorherige Nacht, was Schlaf anbetrifft, nicht sonderlich ertragreich war, vermochte sie sich leider nicht auf das mitgeführte Lernmaterial zu konzentrieren, sondern folgte dem Weg ihrer schweren Augenlider. Sie war ihm peinlich, wie sie dabei tollpatschig den schlecht befestigten Vorhang am Fenster herunterriss oder wie sie später unterm Tisch entlang, ohne den Boden zu berühren, auf seine Seite turnte. Ihr war peinlich, wenn er nicht witzig war. Inzwischen brauchte sie darauf aber keinen Gedanken mehr zu verwenden; er hatte sich des grauen Mantels der arroganten Zurückhaltung endlich wieder entledigt. Sie spielte hin und wieder mit dem Gedanken, seine Sprüche einzurahmen und an die Wand zu hängen. Da wären sie auch in auch in guter Gesellschaft, denn er wünschte selbiges Schicksal mitunter ihr selbst zuzuteilen. Dem wortgewaltigen Meister der Ironie aber, widmeten sie sich gemeinsam: Terry Pratchett und seinem Roman „Lords and Ladies“.

Im rumänischen ÖPNV gibt es generell keine Ansagen, also mussten wir hoffen, nicht allzu spät dran zu sein, da wir keine Lust hatten schon lange vorher mit dem Gepäck bereit stehen zu müssen. Mit einer Viertelstunde Unterschied zum Fahrplan traf der Zug für rumänische Verhältnisse erstaunlich pünktlich ein. Überschwänglich wurden wir von Daniels Eltern im Empfang genommen und zu deren kleinen Dacia geführt, vor welchem eine unzureichend bekleidete, drogensüchtige Bettlerin hoffnungsvoll Stellung genommen hatte und aus lauter Verzweiflung sogar die Unterwäsche entblößte. Solche Momente … – nur wie helfen? Es scheint sogar, als wollten solche Menschen sich nur auf von ihnen festgelegte Art und Weise „helfen“ lassen. So ließen wir sie hinter uns.

Ein reichhaltiges Nachtmahl aus Tomatenpepperonisalat, Hühnerbrustschnitzeln, Paprika umrahmten Käsestückchen, mit womöglich ihren Eltern gefütterten Mayonnaiseeiern und Auberginenaufstrich wurde uns zur Stärkung gereicht und gleich 2 Torten hießen uns willkommen. Angestoßen wurde auch. Wir mit Holunderblütensprudel und Daniels Eltern mit Champagner. Es war wie Ostern, Weihnachten und Silvester zusammen.

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2 Antworten zu “„Wenn der Zug noch langsamer fährt, dann fährt er rückwärts!“

  1. Ich mag deine Art zu schreiben, Gedanken, Gefühle und Eindrücke zu schildern. In der Hoffnung auf mehr von dir Geschriebenes oder Bebildertes: Habt eine tolle Reise!

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